Komponist, Cellist, Jazz-Klavier
Mátyás Seiber wurde am 4. Mai 1905 in Budapest in eine jüdische Musikerfamilie geboren. Bereits im Jugendalter zeigte sich sein außergewöhnliches musikalisches Talent: Mit vierzehn Jahren begann er an der Budapester Musikakademie sein Studium in Komposition und Violoncello, das er 1924 abschloß. Geprägt von der pädagogischen Haltung seines Lehrers Zoltán Kodály verband Seiber analytische Strenge mit einer unerschütterlichen Offenheit gegenüber neuen musikalischen Ausdrucksformen – eine Haltung, die sein gesamtes Schaffen bestimmte.
1925 verliess er Ungarn, war zwar in Frankfurt gemeldet, reiste aber zunächst viel, unter anderem als Cellist auf der Hamburg-Amerika-Linie in einem Streichquartett, das die Passagiere der 1. Klasse unterhielt. Auf dem Schiff und vermutlich auch direkt in den USA kam er in Kontakt mit Jazz und entwickelte eine Vorliebe dafür. Als Bernhard Sekles, damals Direktor des Dr. Hoch’s Konservatorium, 1928 - weltweit erstmalig - eine Jazzklasse gründete, übernahm Seiber deren Leitung.
Für Seiber war Jazz nicht bloß Unterhaltungsmusik, sondern eine Schule der rhythmischen Präzision, der Freiheit und der Improvisation – Fähigkeiten, die er auch in der klassischen Tradition verankert sah. In seinen Kursen unterrichtete er Ensemble, Jazz-Instrumentation und Jazz-Klavier; öffentliche Konzerte, etwa mit der Kapelle Mátyás Seiber, machten die innovative Lehrarbeit weithin bekannt.
Im April 1933 beendeten die nationalsozialistischen Maßnahmen gegen jüdische und ausländische Lehrkräfte abrupt seine Frankfurter Tätigkeit.
Seiber emigrierte über Ungarn und Russland nach England, wo er sich 1935 in London niederlies. Nach ersten Jahren als freier Komponist und Lehrer fand er ab 1942 am Morley College in London eine dauerhafte pädagogische Heimat.
Mátyás Seiber kam am 29. Mai 1960 während einer Konzertreise in Südafrika bei einem Autounfall ums Leben.
Mátyás Seiber ist eine Schlüsselfigur für die Bedeutung des Jazz in Frankfurt, da er 1928 am Dr. Hoch’s Konservatorium die weltweit erste Jazz-Klasse leitete. Mit dieser Pionierleistung verankerte er den Jazz erstmals dauerhaft im akademischen Musikbetrieb und machte Frankfurt zu einem frühen Zentrum professioneller Jazz-Ausbildung. Seiber musizierte zuvor in einem Quartett auf einem Schiff und reiste nach Nord-, Mittel- und Südamerika. Besonders in New York konnte er Jazz kennenlernen - wichtig für seine nächsten Jahre in Frankfurt.
Er war somit neben Bernhard Sekles federführend bei der Einführung dieser fortschrittlichen musikalischen Bildung am Konservatorium: Er entwickelte einen innovativen Lehrplan für die Jazz-Klasse, die bis zu 20 Schüler umfasste und öffentliche Konzerte gab, die sogar im Radio übertragen wurden.
Aus dem Jahresbericht des Konservatoriums 1928/29:
„[...] die Einrichtung einer Jazz-Klasse an einer großen und geachteten musikalische Bildungsanstalt scheint uns schon deshalb prinzipiell wertvoll, weil damit von sozusagen amtlicher kunstpädagogischer Seite eine ernste Sache nach Gebühr ernst genommen wird.“ Bernhard Sekles über Seiber: Zitiert nach Kurt Holl „Jazz im Konservatorium“, Frankfurter Zeitung 25.11.1927
Nach seiner Emigration nach Großbritannien setzte Seiber seine musikalische Karriere fort, wurde Kompositionslehrer und blieb eine wichtige Persönlichkeit in der internationalen Musikszene.
Unter dem Pseudonym George S. Mathis hat er auch Jazz und populäre Musik komponiert: 1956 erreichte sein Lied „By the fountains of Rome“ die „Top 20“ der britischen Popcharts.
Die Werke „Alle Geheimnisse des Jazz-Spiels“ und „77 Breaks“ von Mátyás Seiber erschienen 1929 im Schott-Verlag, Mainz. „77 Breaks“ ist dort bis heute lieferbar – ebenso wie nahezu hundert weitere Publikationen des Musikers und Komponisten.
Komplette Werkliste von Mátyás Seiber: https://seibermusic.org.uk/appendix/
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