Pianistin
Marie Lenheim, eine Tochter des aus Fulda stammenden jüdischen Kaufmanns Salomon Lenheim (1830 - 1919), durchlief ihre gesamte musikalische Ausbildung am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt: Von ihrem achten bis zum zehnten Lebensjahr besuchte sie zunächst die Seminarschule und anschließend bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr die Vorschule des Konservatoriums. 1906/07 nahm sie das Studium am Konservatorium auf und studierte bis 1915/16 Klavier bei Ernst Engesser, Kontrapunkt bei Iwan Knorr und Bernhard Sekles, bei dem sie auch Komposition belegte, sowie ein Semester Gesang bei Carl Rehfuß und Partiturspiel bei Carl Breidenstein.
Marie Lenheim absolvierte 1914 am Konservatorium die Methodikprüfung 2. Grades und erhielt ein handgeschriebenes Diplom. Ein Ausschnitt:
„Frl. Lenheim besitzt ein liebenswürdiges Kompositionstalent. Es wurden in einem öffentlichen Prüfungsabend drei Lieder von ihr zu Gehör gebracht. [...] Frl. Lenheim [...] erbrachte den Nachweis einer genügenden Kenntnis der wertvollsten Unterrichtswerke, der pädagogischen Hauptgrundsätze und der wichtigsten Schriften über Musik. Frl. Lenheim bestand die Methodikprüfung II. Grades mit der Zensur „gut bis sehr gut“. Zur Bestätigung dessen wird Frl. Lenheim dieses Diplom ausgestellt.
Frankfurt a. M. den 1. Mai 1914, Der Direktor, gez. Prof. Ivan Knorr“
Nachdem sie 1910 und 1914 die Methodik-Prüfungen ersten und zweiten Grades bestanden hatte, erteilte Lenheim seit 1916/17 Klavierunterricht an der Vorschule.
Sie war seit 1914 als Klavierbegleiterin und Pianistin bei etlichen Konzerten in Frankfurt und Umgebung künstlerisch tätig – insbesondere bei Volkskunstabenden und anderen Veranstaltungen des Ausschusses für Volksvorlesungen.
Im Frühjahr 1933 wurde Lenheim am Dr. Hoch´s Konservatorium gekündigt, woraufhin sie unter der Rubrik „Freie Kräfte“ – neben ihren ebenfalls entlassenen Kolleginnen und Kollegen Anna Rosenthal, Willy Salomon und Toni Oberdorfer – als „staatlich anerkannte Klavierlehrerin“ im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt inserierte. Einer späteren Anzeige zufolge erteilte sie außerdem Gehörbildungs- und Blockflötenunterricht.
Um 1938/39 emigrierte sie nach Großbritannien, wo ihr Bruder Ludwig (1882 – 1951) bereits 1913 geheiratet hatte und seither lebte. 1939 wohnte Marie Lenheim in Loddon (Norfolk); im November 1947 wurde sie eingebürgert. Ihr weiterer Lebensweg ist ungewiss. Ihre Schwester Ernestine verh. Keller (1878 - 1943) wurde in Auschwitz ermordet.
Am Beispiel von Marie Lenheim und Willy Salomon kann man nachvollziehen, wie sich jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt nach dem Verlust ihrer regulären Anstellungen ab 1933 neu organisierten, um ihre künstlerische Arbeit trotz der Repressionen fortzuführen. Sie gaben Privatunterricht und boten Musikstunden in jüdischen Gemeinden und Bildungsstätten an, da sie von öffentlichen Institutionen ausgeschlossen waren.
In geschlossenen jüdischen Kreisen, organisiert vom Jüdischen Kulturbund und anderen erlaubten jüdischen Organisationen, fanden Konzerte, Kammermusikabende und musikalische Veranstaltungen statt, die das kulturelle Leben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft am Leben erhielten.
Marie Lenheims Aktivitäten als Musikerin lassen sich bis 1937 belegen, darunter Auftritte bei Künstlerabenden der Zionistischen Vereinigung sowie Konzerte der jüdischen Tonkünstler in Frankfurt. Gemeinsam mit weiteren jüdischen Musiklehrern organisierte sie zudem Schülerabende, um den musikalischen Nachwuchs zu fördern.
Eine der wichtigsten Organisationen für jüdische Künstlerinnen und Künstler war der Jüdische Kulturbund. Er entstand 1933 in Berlin als Selbsthilfeorganisation für jüdische Künstler (ursprünglich unter dem Namen Kulturbund Deutscher Juden), die aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung aus öffentlichen Kulturinstitutionen ausgeschlossen wurden. Der Kulturbund war behördlich geduldet, aber streng überwacht und zensiert.
In Frankfurt wurde 1934 der Zweig Kulturbund Deutscher Juden, Bezirk Rhein-Main gegründet, der maßgeblich von Hans Wilhelm Steinberg mitinitiiert wurde. Steinberg, ein bedeutender Dirigent und Generalmusikdirektor am Frankfurter Opernhaus (der 1933 auch gehen musste) war Mitglied im Vorstand. Die Aktivitäten des Kulturbundes dienten nicht nur der Beschäftigung und Weiterbildung jüdischer Künstler, sondern waren auch ein Versuch, das jüdische Kulturleben in einer zunehmend feindlichen Umgebung aufrechtzuerhalten. Die Organisation wurde 1941 von der Gestapo aufgelöst, viele der Beteiligten wurden deportiert und ermordet.
Die Vereinigung der Jüdischen Tonkünstler Frankfurts war vor der NS-Zeit eine eigenständige Organisation, die zahlreiche musikalische Veranstaltungen wie die „Mittwochs-Konzerte“ für ein breites jüdisches Publikum organisierte und zudem Musikunterricht und Hausmusikpartner vermittelte.
Mit der Gründung des Kulturbundes Deutscher Juden für Frankfurt und den Rhein-Main-Bezirk 1934 wurde diese eigene Tätigkeit der Tonkünstler-Vereinigung in den Kulturbund eingegliedert.
Die Jüdischen Tonkünstler leisteten weiterhin künstlerische Beiträge, standen aber nun unter der Zwangsorganisation der Kulturbünde. Nach der Pogromnacht 1938 und aufgrund zunehmender Repressionen war die Arbeit im Kulturbund Rhein-Main nicht mehr fortsetzbar; die Auflösung des Kulturbundes Rhein-Main erfolgte noch im gleichen Jahr.
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